25.09.2007 (der Online-Ausgabe entnommen)

Leitartikel
Kraft des Andersseins
Von Claudia Michels

Junge Juden finden es cool, jüdisch zu sein. Und die, die heute junge Juden kennenlernen, zeigen keine Berührungsangst, lassen eher Bewunderung erkennen. Ein Gesellschaftsbild kommt ins Wanken.

Die neue Sicht auf jüdisches Leben in Deutschland eröffnet sich in den Interviews, die Konstanzer Kommunikations-Studenten quer durchs Land mit jungen Juden, der dritten Generation nach dem Holocaust, geführt haben. Die Verfolgungsgeschichte, das zeigen die Aussagen, die jetzt im Jüdischen Museum ausgestellt werden, scheint in den einbezogenen Familien ein Thema zu sein, das nur noch die Oma beschäftigt. Auch zum jahrzehntelang diskutierten Thema, ob es sich bei ihnen nun um deutsche Juden handele oder um jüdische Deutsche, finden die Jungen Erörterungen überflüssig. Auf ihre frischen Fragen haben die Studenten viele optimistische Antworten bekommen.

Und zwar, obwohl alle wissen, dass Rassismus und Antisemitismus nicht wirklich überwunden sind. Sie wissen aber eben auch, dass zu einem Neubeginn Mut gehört und den wollen sie einsetzen. Vielleicht gelingt es, weil sie sich als Juden des Schutzes der Mehrheit der deutschen Gesellschaft sicher sein können. Das wäre eine schöne Entwicklung.

Tatsächlich hat die Empörung um den Angriff auf den Rabbiner kürzlich in Frankfurt gezeigt, dass die Öffentlichkeit, wenigstens in dieser Stadt, Antisemitismus nicht zulässt. Das gibt Sicherheit. In der Ausstellung kann man von einer aus Russland zugewanderten Jüdin die Aussage lesen: "Ich finde, dass es hier besser ist, als irgendwo sonst. Hier wird man wenigstens aus Respekt und Schuldgefühl nicht das machen, was man in anderen Ländern vielleicht tun würde, weil man sich denkt: ,Wir haben ja nichts verbrochen, wir können es uns leisten'.'"

Einerseits gibt es diesen Schutz. Andererseits lässt sich in den Interviews ein Stolz der jungen jüdischen Generation auf die Prinzipien ihrer Religion erkennen, auf die Gemeinschaft, die sich daraus bildet - selbst wenn einer Schweinebraten isst oder eine am Schabbat tanzen geht. Sie empfinden ihre Andersartigkeit, das lässt sie aber nicht, wie einst, nach Wegen der Anpassung suchen. Anders zu sein, das gibt ihnen Kraft.

An dieser Beobachtung zeigt sich aber auch: Die jungen Juden wachsen an der sie umgebenden Gesellschaft. Einer Gesellschaft, der der Zusammenhalt, die gemeinsamen Werte und Traditionen, vielfach verloren gegangen sind. Dies nicht zuletzt, weil zur Überwindung des Nationalsozialismus wie auch des Nationalismus ein Traditionsbruch nötig war. So dreht sich die Geschichte im Kreis. Hin zu einer Annäherung. Die begonnene Werte-Debatte zeigt es ja.