25.09.2007 (der Online-Ausgabe entnommen)

Schabbat ist cool
Jüdisches Museum zeigt, wie unverkrampft junge Juden heute in Deutschland leben
VON CLAUDIA MICHELS

An den Börneplatz, den historischen Frankfurter Judenmarkt, den Ort der Verwüstung der Börneplatz-Synagoge, zieht jüdisches Leben. Eine fast durchweg heitere, dem Dasein in Deutschland zugewandte Judenheit stellt sich vor - im Museum zwar, aber doch alles andere als museal.

Das Thema "Jüdische Jugend heute in Deutschland" belebt ab heute Abend die am Börneplatz rekonstruierten Getto-Ruinen des Museums Judengasse - und entgegen der Erwartung ist von Angst oder Unsicherheit kaum die Rede. Konstanzer Studenten, angehende Kommunikationswissenschaftler, haben bei einer Reise quer durchs Land junge Juden in Wort und Bild porträtiert. Mit Hilfe vollkommen unerschrockener Fragen: "Was ist das Tolle am Judentum?" "Zieht Ihr an Schabbat den Telefonstecker raus?" "Warum bist du Jüdin?

Roter Faden fürs Leben

Keine Hemmungen, keine Barrieren haben sich augenscheinlich zwischen Konstanz und Berlin den Gesprächen in den Weg gestellt. Es ergaben sich klare Antworten. "Diese Religion", sagt zum Beispiel Liza Gutmacher aus Freiburg, als sie nach dem Grund für ihr Judentum gefragt worden ist, - "diese Religion ist ein Teil meines Lebens. Die Religion schreibt vor, wie man sich anderen gegenüber verhalten soll, wie man sein Leben leben soll. Ich finde das, was sie sagt, schön (. . . ) Die Religion gibt einem Prinzipien, an die man sich halten kann. Man hat dadurch einen roten Faden und irrt nicht so herum."

Liza Gutmacher (18) könnte sich "gar nicht vorstellen, ohne den Schabbat zu leben". Dagegen muss Sascha Pershikova aus Halle, die vor sieben Jahren aus Sankt Petersburg kam, zum Thema Schabbat an die Interviewer erst mal eine Rückfrage richten: "Und jeden Samstag ist doch dieses Fest. . . was ist da am Samstag?" Sascha ist 17, ihre Unwissenheit ist ihr peinlich. Doch kann sie über ihre Annäherung an jüdisches Leben berichten: "Jetzt auf einmal haben wir gesehen, wie das geht, dass man da dieses Brot isst und man ein bisschen Wein trinken muss." ". . . und das war ganz cool" äußert das Mädel aus Halle ihr Behagen. Als Sascha verstanden hat, dass sie sich zur jüdischen Gemeinschaft dazu gehörig fühlen darf, reagiert sie: "Perfekt - dann bin ich Jüdin. Das wusste ich nicht. Cool." Cool, warum? "Ich bin irgendwie anders, als die anderen. Und das finde ich gut."

Cool ist ein Wort, das unerwartet oft fällt. Auch Dan Juraske, Abiturient aus Köln, trifft offenbar eher auf Bewunderung als auf Feindseligkeit, wenn Leute hören, dass er Jude ist:"Manche finden es cool." "Ganz locker" seien die Reaktionen: "Die lustigste Frage, die man mir einmal gestellt hat, war, ob ich mir nicht solche Löckchen wachsen lassen will, das sähe doch cool aus." Daniel Nemirovski aus Heidelberg, Student an der Hochschule für jüdische Studien, kann es schon nicht mehr hören, wenn die Leute sagen: "Judentum ist cool. Ich hasse das einfach."

Junge Juden aus Frankfurt haben die Studenten, die im März 2005 mit der Recherche angefangen hatten, nicht befragt. Frankfurt taucht, etwa im Gespräch mit der Emmendinger Gymnasiastin Viktoria Marjanowskaja, mal in einem negativen Licht auf - als ein Ort, in dem junge Juden "nicht mehr mit einem Davidstern um den Hals auf die Straße gehen".

Dagegen glaubt Orly Altstädter aus Konstanz: "Wenn ich in Frankfurt leben würde, wäre es vielleicht noch einfacher (. . .) Man hat dort mehr Möglichkeiten, jüdisch zu leben." Allerdings, so urteilt die Judaistik-Studentin Deborah Ferjencik aus Heidelberg, gehe es in der Frankfurter Jüdischen Gemeinde vor allem "ums Sehen und Gesehenwerden". Drei Monate lang bringt die Ausstellung die Weltsicht der jüdischen Jugend an den Börneplatz - zu den Getto-Resten, die junge Juden im Jahr 1987 gerettet haben.